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Hinter dem Zaun der DRK-Kindertagesstätte Sonnentau in Heißenbüttel beginnt das Abenteuerland. Das Außengelände ist ein Paradies für kleine Forscher, für Balancierer, Kletterer und ambitionierte Bauherren. In seiner Größe und Vielfalt ist das Gelände sicher einzigartig und seine Gestaltung nicht eins zu eins in einem privaten Garten umzusetzen. Aber die Idee, die dahinter steckt, und einzelne Gestaltungselemente könnten Teilbereiche eines x-beliebigen Hausgartens in einen Garten für Entdecker, Draufgänger und Abenteurer verwandeln.

„Unsere Intention ist es, Kinder die Natur erleben zu lassen“, erzählt Verena Neurath. Sie ist die Leiterin der Einrichtung und hat das Konzept von ihrer Vorgängerin Brigitte Reschke übernommen. Heutzutage sähen viele Privatgärten wie eine Verlängerung des Wohnzimmers aus, bestünden aus flachen, überschaubaren Flächen und ordentlichen Beeten. Wo ist da das Abenteuer, was weckt dort den Entdecker-Instinkt, die Fantasie, die Kreativität und was befriedigt den Bewegungsdrang der Kinder, die dort leben?

Kinder sollen ausprobieren

„Kinder lernen nur dadurch, dass sie etwas selbst ausprobieren“, ist Neuraths Erfahrung. „Und wir, die Erwachsenen, müssen ihnen das Vertrauen schenken, dass sie mit den Dingen umgehen können.“ Auf diese Weise würden sie Selbstvertrauen entwickeln. Bestes Beispiel dafür sei das Biotop samt Teich, das es zu Reschkes Zeiten gab. Dort konnten die Kinder sehen, wie aus Froschlaich, Kaulquappen und schließlich Frösche wurden. Sie beobachteten Wasserkäfer und Libellen, konnten ganz nah ran. „Der Teich war nicht eingezäunt und es ist nie etwas passiert.“ Inzwischen sei das auf Wunsch der Eltern anders. Grund: Heute betreuten sie sehr viele, ganz junge Kinder, die kaum drei Jahre alt seien. Grundsätzlich hält Verena Neurath aber an der Idee fest, Kinder ausprobieren zu lassen. Bei jedem Wetter seien sie mit ihnen draußen, und dreckige Kleidung gehöre zur Tagesordnung.

Hinter der Tür zum Außengelände zeigt sich warum. Auf einem von vielen hohen Bäumen beschatteten Grundstück reiht sich ein Entdecker-Reich an das andere. Am Fuß einer Aufschüttung, deren Kuppe von mehreren selbst gebauten Hockern aus Baumstümpfen samt Tisch gekrönt wird und die sowohl als Treffpunkt als auch als Bühne für Rollenspiele dient, schwimmt ein Holzboot im Sand. Nur der Oberbau schaut ab der Reling noch aus der Erde. Das Boot wurde der Kita geschenkt und lässt die Kinder zu Piraten, Kapitänen und wagemutigen Eroberern werden. Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Einige Schritte weiter liegen mehrere große Findlinge locker nebeneinander – wie Murmeln, die ein Riese achtlos fallengelassen hat – und bieten die perfekte Kulisse für Überraschungsangriffe, Kletterversuche und Sprungübungen. Auch als Ausgangspunkt für Versteckspiele sind sie ideal. Andere Findlinge liegen in einer Mulde. Nach längerem Regen ragen sie gleich Inseln aus einem vergäng lichen Tümpel. Unwiderstehlich für die Kinder, die mit Gummistiefeln und Regenhosen die Pfütze erkunden, erzählt die Kita-Leiterin.

„Bewegung ist ein ganz großes Thema“, bestätigt sie. Bewegung habe nicht nur mit der Motorik, sondern mit der gesamten Entwicklung eines Kindes zu tun. „Wenn ich in etwas sicher bin, beispielsweise darin, auf einem dieser Baumstämme, die hier als Beetumrandung dienen, zu balancieren oder in einen der Bäume zu klettern, dann fühle ich mich insgesamt sicherer und mein Selbstvertrauen wächst“, erklärt die Erzieherin.

Natürlich bleibe ihr manchmal fast das Herz stehen, wenn sie beobachte, wie die Kinder mit dem Laufrad über Stock und Stein fahren würden. Und sie atme auf, wenn alles gut gegangen sei. Aber es sei wichtig, dass die Kinder sich ausprobierten. „Dadurch lernen sie, Gefahren selbst einzuschätzen.“ Ein anderes Beispiel dafür seien die Bäume: Die Kinder würden selbst entscheiden, ob sie in ihnen hochklettern wollten und vor allem wie hoch sie sich zu klettern trauten. „Wenn sie es versuchen und schaffen, dann haben sie nicht nur ein tolles Erfolgserlebnis, es steigert auch ihr Selbstwertgefühl.“ Würden sie aber zu hören bekommen, „pass auf, dass du nicht runterfällst“, würden sie stürzen. „Natürlich müssen wir hier immer aufpassen“, stellt Neurath klar. Gleichzeitig müssten sie aber den Kindern auch vertrauen. „Ich kann sie nur ein stückweit begleiten.“ Wenn sie den Kindern vertraue, lernten diese mit dem Vertrauen umzugehen. Sollte dann doch einmal etwas schief gehen, sie sich die Knie aufschürfen, dann wüssten sie, dass da jemand sei, zu dem sie gehen könnten, jemand, der sie tröste und ihnen nicht sage, „habe ich es dir nicht gesagt“. Das schaffe Urvertrauen.

Erfolgserlebnisse bieten den Kindern auch die Bereiche der Anlage, in denen sie zu Bauherren werden können. Aus Holzbohlen, die sie über Baumstümpfe legen, kreieren sie dort ihre eigenen Wippen. Oder sie schaffen Balancier-Strecken. Die Äste, die beim Baumschnitt anfallen, bleiben auf dem Gelände in der sogenannten Stöcker-Ecke und werden von den Kindern zu allem möglichen verbaut – zum Beispiel zu einem Baumhaus oder einem Stangen-Zelt. Eine Röhre zum Durchkrabbeln, eine Seilbahn, Ytong-Steine zum Verbauen, ein Bachlauf, der mit Hilfe einer Handpumpe zum Leben erweckt wird, ausgemusterte Paletten, ein dickes Tau, das sich wenige Zentimeter über dem Boden zwischen zwei Bäumen spannt: „Der Großteil der Kinder spielt mit dem, was sie hier finden; wir haben sogar Tage, an denen es selbst Spielgeräte wie Schaufeln nicht gibt“, erzählt Verena Neurath. Für die Kinder sei das kein Problem. Dass sie dabei schmutzig würden, sei unvermeidlich und den Eltern bekannt. Abe r: „In diese völlig mit Erde beschmierten Gesichter zu gucken und zu sehen, wie glücklich sie sind, ist einfach unbeschreiblich.“

In diesem Garten voller Abenteuermöglichkeiten und einer Natur, die greif- und erlebbar ist, lernten die Kinder aber noch mehr. Nämlich: „Anteilnahme und Rücksicht“, sagt Neurath. In einigen Bereichen des Kita-Geländes hätten sie Hochbeete, eine Kräuterspirale und ein Blumenbeet für Bienen angelegt. Die Kinder hätten mitgeholfen. „Als wir sie noch nicht beteiligt haben, gab es viele Kinder, die die Blumen gepflückt oder aus der Erde gezogen haben“, erinnert sich Neurath. Sie seien halt neugierig gewesen. „Jetzt passiert das nicht mehr, weil sie mitgeholfen haben und weil sie gelernt haben, dass die Blumen für die Insekten da sind. Inzwischen haben wir sogar eine Gruppe von Kindern, die sich um die Beete kümmern.“ Über das Kräuterbeet laufe auch keines mehr – denn dort wohnten schließlich nun Elfen und Feen. Und das nicht allein in der Fantasie der Kinder, sondern als Keramik-Figuren. Ein anderes Beispiel sei das Hummelnest gewesen. In dem Bereich, wo di e Hummeln es gebaut hatten, fanden sie wohl nicht genügend Nahrung, vermutet Neurath. Die Insekten fielen tot auf die Erde. „Die Kinder wollten ihnen helfen und haben ihnen Zuckerwasser hingestellt.“ Überhaupt: „Wir haben ganz wenige Kinder, die Tiere und Insekten töten, bei uns sammeln die Kinder die Insekten auf, helfen ihnen und gucken unter die Steine, um zu sehen, wer dort lebt.“

Um solche Ecken im privaten Garten zu schaffen, brauche es nicht viel Material, versichert Neurath. An Totholzhaufen könnten Insekten beobachtet werden. Ein flacher Tümpel reiche schon, um das Leben im Wasser zu erkunden. Gänge zum Durchkriechen könnten aus frisch geschnittenen Weidenästen geschaffen werden. In den Boden gesteckt, schlagen sie aus und bilden ein grünes Gewölbe. Ein paar größere und kleinere Steine, ein paar Holzbohlen und schon haben die Kinder das Ausgangsmaterial für Wippen und Hütten, für Balancierstege und was ihre Fantasie daraus sonst noch erschafft. Wichtig sei aber, „dass die Kinder eine Ecke im Garten haben, wo sie schalten und walten können, wie sie wollen, und wo das, was sie gebaut haben, liegen bleiben darf, wo nicht alles ordentlich sein muss.“ Ein Ort, an dem sie ganz Kind sein dürfen.       

Wildes Glück: Ein Spielparadies direkt hinterm Haus

17. April 2019 15:09 Uhr. Alter: 308 Tage